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Autismus, Gendern, inkludierende und exkludierende Sprache und Barrierefreiheit.

Was bedeutet es, wenn jemand sagt, ein Text sei exkludierend geschrieben?

Der Text geht auf einen Twitter-Thread zurück, ich habe ihn aber vor allem im zweiten Teil deutlich erweitert.


Vorweg: Als Mutter eines autistischen Kindes uns cis Frau betrachte ich die hier geschilderten Probleme von außen. Ich habe sie aber häufig genug in Diskussionen erlebt, dass mir ein ganz bestimmtes Missverständnis aufgefallen ist. Es dreht sich um die Begriffe „inkludieren“/ „exkludieren“ in Bezug auf Texte. Und ich distanziere mich ganz ausdrücklich von denjenigen, die sich über das Gendersternchen und die dahinterstehenden Bedürfnisse lustig machen und sie abwerten.

Oft lese ich von Leuten, die das Gendersternchen verfechten, Texte im generischen Maskulinum seien exkludierend, und auch Texte mit Binnen-I seien keine Lösung, weil diese trans und nichtbinäre Personen exkludierten.

Auf der anderen Seite lese ich von Autisten und Autistinnen, dass für etliche von ihnen Texte mit Gendersternchen nicht barrierefrei sind. Dass es sie exkludiert.

In den Diskussionen wirkt es dann manchmal, als wäre mit „inkludierend“ und „exkludierend“ beide Male das Gleiche gemeint, als stünden die beiden Ansprüche auf Inklusion auf einer Ebene.

Sie tun es nicht. Meiner Meinung nach kann man hier zwischen Inklusion und Exklusion 1. und zweiter Ordnung unterscheiden.

Inklusion 1. Ordnung bedeutet: Ist der Text zugänglich für alle? Ein Text, der auf einem Server nur für eine bestimmte Personengruppe liegt, ist nicht zugänglich. Ein Dokument, das für die Öffentlichkeit nur mit zur Hälfte geschwärztem Text herausgegeben wird, ist nicht zugänglich. Ein Text, den eine bestimmte Personengruppe schlicht nicht lesen kann, ist nicht zugänglich.

Was hat das alles jetzt mit Autismus und Gendersternchen zu tun?

Nun, einige Autisten und Autistinnen können Texte mit vielen Gendersternchen schlicht nicht sinnentnehmend lesen. Es betrifft nicht alle, aber genug, dass ich es als eines von den diversen Autismus-Symptomen ansehe. (Siehe dazu auch das Ergebnis einer nicht-repräsentativen Twitter-Umfrage: „30 % der Autisten fällt es schwer. 70 % haben keine Probleme.“)

Ich hatte das bisher nicht gewusst, aber es leuchtet mir ein. Autismus gehört in den Bereich der Neurodiversität, wo sich neben Autismus und AdHS u.a. auch noch Dyslexie bzw. Legasthenie befindet, also Lese-Rechtschreib-Schwäche.

Und ich habe mal einen Artikel zu Intelligenztests bei Autismus gelesen (siehe unten):

Für Autismus charakteristisch sind häufig sehr unausgewogene Begabungsprofile. Und beim WISC-Intelligenztest, der in dem Artikel besprochen wird, typischerweise ein Leistungsabfall bei einer der Aufgaben, dem sogenannten „Coding“-Test. In der Fassung für 6-18-Jährige sollen fünf Symbole, die fünf Ziffern zugeordnet werden, in eine Reihe von Kästchen eingetragen werden. Laut Artikel hatten autistische Kinder besonders mit dieser Aufgabe Schwierigkeiten.

Außerdem ist Autismus durch einen stärkeren Blick fürs Detail gekennzeichnet. Details fallen auf, die anderen entgehen, dagegen ist es schwieriger, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden.

Es wundert mich also nicht, dass Autismus auch zu Besonderheiten beim Lesen führen kann.

Betroffene beschreiben das so, dass das Gendersternchen als Sonderzeichen den Lesefluss so stark unterbricht, dass sie beim Lesen immer wieder von vorn anfangen müssen und schließlich den Text weglegen, ohne ihn verstanden zu haben.

Der Twitter-User @Aspergianer beschreibt das für sich so:

„Bei mir führt Text mit Gendersternchen sehr oft dazu, das in meinem Kopf jede mögliche Variation entsteht. Ich kann das nicht steuern.
„Liebe Schüler*innen, die Lehrer*innen“
wird bei mir im Kopf zu:
– Liebe Schüler, die Lehrer
– Liebe Schüler, die Lehrerinnen
– Liebe Schülerinnen, die Lehrer
– Liebe Schülerinnen, die Lehrerinnen
Das geht über ganze Textabsätze hinweg. Kann sich ja jeder selbst ausrechnen, wieviele mögliche Varianten es bei 10 Mal [Text]*[innen] gibt.“

Andere beschreiben, dass Texte mit Gendersternchen bei ihnen einen Overload verursacht, eine Reizüberlastung, die bei Autistinnen und Autisten ansonsten häufig durch zu viel Lärm, zu grelles Licht, zu viele Leute und andere zu starke Sinnesreize hervorgerufen wird. Ein Overload kann in einen Meltdown oder einem Shutdown münden. So ein Zusammenbruch kann Stunden dauern und auch noch lange danach zu Erschöpfung führen. Er kann auch gefährlich sein, weil von Außenstehenden oft schädlich reagiert wird. Es ist zu verstehen, dass Betroffene so etwas nach Möglichkeit vermeiden. Dass sie dann auch Texte vermeiden, die so einen Overload auslösen.

Das ist für mich Exklusion 1. Ordnung. Ein Text, der für eine bestimmte Personengruppe nicht zugänglich ist, dem sie keine Informationen entnehmen kann, über dessen Inhalt sie nicht mitdiskutieren kann.

Kommen wir zur Exklusion 2. Ordnung.

Historisch gesehen sind Frauen lange Zeit von vielen Bereichen ausgeschlossen gewesen, in manchen Bereichen haben sie es immer noch schwer, Fuß zu fassen. Trans und nichtbinäre Personen werden leider allzu oft diskriminiert.

Ein Text, in dem alle Personenbezeichnungen im Maskulinum stehen, könnte also je nach Kontext Männerbündelei abbilden, Ausdruck von sexistischer Denkweise sein oder im generischen Maskulinum stehen und eigentlich „alle“ meinen.

Dieser Kontext ist manchmal klar, etwa wenn eine Fußnote zu Beginn darauf hinweist, dass Frauen „mitgemeint“ sind. Manchmal muss man es sich denken, etwa weil in Deutschland (außer katholische Priester) alle Berufe allen Geschlechtern offenstehen und bei einer großen Menge einer Berufsgruppe eigentlich immer auch Frauen dabei sein müssten. Manchmal zeigt aber erst der Kontext, dass ein Maskulinum eben doch nicht generisch gemeint war, etwa wenn im Text immer von Polizisten geredet wurde, und erst am Ende darauf hingewiesen wird, dass es bei Polizistinnen anders ist. So muss bei Texten im generischen Maskulinum ein Teil der Bevölkerung darüber nachdenken, ob der Text auch für sie gilt, bzw. für Menschen wie sie.

Und je öfter sie die Erfahrung gemacht haben, diskriminiert zu werden, nicht mitgedacht, nicht gemeint zu werden, desto eher werden sie bei einem Maskulinum im Text davon ausgehen, dass tatsächlich nur Männer gedacht sind. Dass sie wieder mal nicht vorkommen.

Und es gibt Studien, die zeigen, dass Mädchen sich bestimmte Berufe eher weniger zutrauen, wenn in Texten nur die männliche Form genannt wird, und eher zutrauen, wenn im Text auch die weibliche Form vorkommt.

Das möchte ich Exklusion 2. Ordnung nennen. Die Personen können den Text lesen, die Informationen aufnehmen, sie können darüber diskutieren. Und sich hinterher beschweren, dass sie nicht vorkommen, oder zumindest nicht sichtbar sind.

Wer diese beiden Arten von Inklusion und Exklusion so diskutiert, als stünden sie auf einer Stufe, verkennt, dass die Exklusion 1. Ordnung de facto eine Gruppe von Behinderten von der Diskussion ausschließt.

Ein Beispiel:

Ein Flughafen lässt einen Text schreiben – etwa zum Prozdere des Eincheckens bis zum Abflug, oder zur Orientierung für die, die sich für einen Beruf in dem Bereich interessieren. Der ganze Text ist voll mit Berufsbezeichnungen.

Stellen wir uns vor, der Text wäre im generischen Maskulinum geschrieben. Kunden, Service-Mitarbeiter, Piloten, Flugbegleiter. Der Text wäre so für alle zugänglich (Inklusion 1. Ordnung), alle, die diesen Text lesen, können sich darauf vorbereiten, an welcher Stelle sie ihren Ausweis bereithalten müssen, oder welchen Schulabschluss sie für welchen Beruf brauchen. Es wäre allerdings denkbar, dass dabei Bilder im Kopf entstehen von lauter Männern. Und während die Erfahrung sagt, dass auch Frauen reisen, dass Frauen theoretisch alle Berufe ausüben können, wird dieser Text nichts gegen die Vorstellung vom Piloten als Männerberuf tun.

Stellen wir uns vor, im Text wäre vor allem das Binnen-I verwendet worden. In der Häufung kann, so weit ich das mitbekommen habe, auch das schon für Autistinnen und Autisten problematisch sein. Der Text wird vermutlich dennoch von mehr Menschen verstanden, und die Wahrscheinlichkeit, dass bei den Bildern im Kopf auch Frauen als Pilotinnen dabei sind, ist deutlich höher. Das Binnen-I wird aber dafür kritisiert, dass es ausschließlich für die Doppelnenung von Männern und Frauen gedacht wäre und darum trans und nichtbinäre Menschen meist gar nicht mitgemeint seien. Und in der Tat werden Mitglieder dieser Personengruppe bei den meisten, die diesen Text lesen, bei den Bildern im Kopf nicht auftauchen.

Stellen wir uns vor, der Text wäre so weit wie möglich in neutralen Begriffen geschrieben: Reisende, Service-Personal, Flugbegleitung, Cockpit-Crew u.ä. Ich denke, dieser Text wäre komplett barrierefrei, alle, die ihn lesen, werden ihn verstehen. Die Personengruppen werden nicht auf Männer oder cis Personen reduziert. Es entstehen aber auch keine neuen Bilder im Kopf, sondern ergeben sich vermutlich aus Erfahrungen oder stereotypischen Erwartungen: Die Cockpit-Crew sind männliche Piloten, die Flugbegleitung weibliche Stewardessen im knappen Minirock. Wer nie mit trans Personen zu tun hat, wird sich auch bei den beschriebenen Personen keine vorstellen.

Stellen wir uns jetzt vor, der Text wäre mit Gendersternchen geschrieben. Die Chance, dass auf den Bildern im Kopf nicht nur Frauen in nicht so ganz stereotypischen Rollen zu sehen sind, ist hoch, und ebenso ist hier am ehesten die Chance gegeben, dass auch trans Personen auf den Bildern im Kopf auftauchen. Zum Aufbrechen von Geschlechterklischees, zum Sichtbarmachen von trans Personen ist also diese Schreibweise optimal.

Nur schließt sie die Autistinnen und Autisten aus, die Texte mit mehrfachen Gendersternchen nicht lesen können. Sie werden sich darin nicht über die Abläufe im Flughafen informieren können, bzw. darüber, was die Zugangsvoraussetzungen für verschiedene Berufe sind. Das ist eine wirkliche Barriere, die exkludiert, von Informationen abschneidet, und nicht etwa nur unerwünschte Bilder im Kopf erzeugt.

Was wäre nun aber eine Lösung?

Ich weiß es nicht. Die „eierlegende Wollmilchsau“ der Sprache, die gleichzeitig stereotypisches Denken aufbricht und für alle barrierefrei zugänglich ist, scheint es nicht zu geben. Als Alternative werden neue Wort-Endungen vorgeschlagen, neue Pronomen, neue Artikel, die dann aber auch erst von allen, die Texte schreiben oder lesen, verinnerlicht werden müssen.

Ich habe mich entschieden, auf Twitter überwiegend Binnen-I und neutrale Formulierungen zu verwenden, mit einem Disclaimer in der Bio, dass ich das Binnen-I „für alle“ verwende, für cis, trans und nonbinäre Menschen. Und sollte doch einmal eine Differenzierung nötig sein, zwischen Männern und Frauen, zwischen cis und trans, dann werde ich das entsprechend präzisieren.

Vielleicht muss man aber auch einfach anerkennen, dass sowieso nicht alle Texte für alle Menschen zugänglich sind. Ein Christian Drosten wird im NDR-Podcast sich bemühen, Zusammenhänge so anschaulich zu beschreiben, dass möglichst alle ihn verstehen. In einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift muss er sich diese Zügel nicht anlegen. Wenn Teenager in der gerade gängigen Jugendsprache kommunizieren, dann hat das vielleicht gerade den Reiz, dass die Erwachsenen sie nicht verstehen.

So hat vielleicht auch das Gendersternchen seinen Platz dort, wo es der Zielgruppe hilft, überkommene Vorstellungen von männlich und weiblich aufzubrechen und zu einer neuen Selbstverständlichkeit von Diversität zu finden.

Gleichzeitig muss ihnen bewusst sein, dass es Barrieren gibt, die behinderungsbedingt sind, und dass sie diesen Behinderten damit Informationen vorenthalten. Dass die Schreibweise mit Gendersternchen nicht allgemein „inkludierend“ ist, sondern nur „gender-inkludierend“ – und für eine bestimmte Gruppe von Behinderten exkludierend. Und dass es eine gute Idee sein könnte, alles, was für eine möglichst breite Leserschaft gedacht ist, auch in barrierefreier Schrift anzubieten. Denn ansonsten ist es eben kein Zufall, dass „komischerweise“ immer nur diejenigen mit dem Gendersternchen Probleme haben, die nicht der trans Szene angehören – denjenigen, die damit Probleme haben, wird schon der Einstieg nicht gelingen.

Das Gleiche gilt natürlich in noch größerem Maße für alles, was in irgendeiner Form „öffentliche Verlautbarung“ ist: Gesetze, Amtsbriefe, Internet-Auftritte von Institutionen u.ä. Diese müssen unbedingt barrierefrei sein! Evtl. können die Texte in zwei Versionen zur Verfügung gestellt werden, die sich bis auf die Art des Genderns nicht unterscheiden.

Was alle, die für die Öffentlichkeit schreiben, auch noch stärker berücksichtigen sollten, sind die Mittel, die es noch außerhalb der Sprache gibt. Die ganz konkret andere Bilder im Kopf ermöglichen. Für die Illustration in unserem Text über den Flughafen ein Bild von einer Frau als Pilotin auswählen. Und für das Interview über einen neuen Wirtschaftszweig eine trans Unternehmerin als Expertin.

Und man möge die neutralen Formen nicht unterschätzen. Ich habe in diesem doch ziemlich langen Text auch ganz bewusst auf Barrierefreiheit geachtet, Binnen-I und Sternchen vermieden und möglichst nach neutralen Formulierungen gesucht. Und das geht erstaunlich gut. Insgesamt fünfmal habe ich allerdings „Autisten und Autistinnen“ als Doppelnennung geschrieben – letzteres deshalb, weil die autistische Community die Bezeichnung „Menschen mit Autismus“, die als neutrale Formulierung denkbar wäre, mit guten Gründen ablehnt.

Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Link zu einer weiteren Beschreibung des Problems: @koellchen: Thema „Gendersonderzeichen und Barrierefreiheit“; auf: Twitter

@fotobus: Stell dir einen wohlformulierten Brief vor…; auf: Twitter

Geschechterneutrale Sprache, Autismus – und ein Problem; auf: minzgespinst.net

Studie zum WISC-Intelligenztest:

Mizuho Takayanagi et. al.: Review of Cognitive Characteristics of Autism Spectrum Disorder Using Performance on Six Subtests on Four Versions of the Wechsler Intelligence Scale for Children; in: Journal of Autism and Developmental Disorders (2021), online: https://link.springer.com/article/10.1007/s10803-021-04932-x

Beschreibung der Subtests des WISC-Intelligenztests: WISC (Wechsler IQ Test) – Subtests and Suggestions, online: https://www.thinktonight.com/WISC_IV_subtests_s/331.htm

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